Kurze Geschichte der deutschen Markenheftchen
Anfang des 20. Jahrhunderts beginnen Postverwaltungen wie Kanada, USA (1900) oder Italien (1901) erste Markenheftchen herauszugeben. Auch die Deutsche Reichspost interessiert sich früh für die neue Ausgabeform und gibt erste Versuchsmarkenheftchen bereits 1900 heraus. Es wird allerdings noch ein ganzes Jahrzehnt dauern, bis am 1. November 1910 das erste deutsche postoffizielle Markenheftchen erscheint. Zunächst aber erscheinen um 1906 erste private Markenheftchen.
Zwischen 1910 und 1921 werden von der Deutschen Reichspost ausschließlich Markenheftchen mit Briefmarken der Dauerserie Germania produziert. Die Heftchen bestehen aus zwei geklammerten Kartondeckeln und werden über die Postschalter vertrieben. Sie enthalten meist mehrere Heftchenblätter und weisen in den allermeisten Fällen Zusammendrucke, auch mit Reklame- oder Leerfeldern, auf, um auf gerade Verkaufspreise zu kommen. Die Heftchenblätter werden durch Zwischenblätter getrennt, um ein Zusammenkleben zu verhindern. Bald werden Zwischenblätter und Kartondeckelseiten auch als Werbefläche entdeckt und vermarktet. Ab 1921 werden dann auch Markenheftchenbögen herausgegeben.
Zwischen 1911 und 1914 werden auch für die deutschen Kolonien Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika und Kamerun einige Markenheftchen herausgegeben.
Bis Ende 1941 und dem sich nähernden Ende des Deutschen Reiches erscheinen insgesamt 49 Markenheftchen, ab 1925 teilweise auch mit Sonder- und Zuschlagsmarken.
Auch das Königreich Bayern (1911-1917), das Saargebiet (1924) und die Freie Stadt Danzig (1925-1938) geben in dieser Zeit Markenheftchen heraus.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erscheinen einige wenige Markenheftchen während der Alliierten Besetzung. Hervorzuheben wäre hier insbesondere das MH 50, welches als sogenannter Nachläufer noch in die Nummerierung der MH des Deutsches Reiches eingeordnet wird, weil souveräne Nachfolgestaaten im nun in Zonen eingeteilten Deutschland noch nicht gebildet sind.
Diese politische Gemengelage ändert sich erst mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR im Jahr 1949. Erste MH erscheinen in West-Berlin als nun eigenständigem Markenland 1949, in der Bundesrepublik 1951 und in der DDR 1955.
Nach wie vor sind die Markenheftchen geklammert und werden über die Postschalter abgegeben. Anfang der 60er Jahre startet die Deutsche Bundespost dann erste Versuche zur Automatengängigkeit. Die MH sind zunächst noch im Langformat, jedoch nicht mehr geklammert sondern an einer Seite perforiert und an der anderen gelumbeckt. Auch mit dickeren und dünneren Deckelkartonstärken wird experimentiert. 1968 wird dann ein Kurzformat in halber Größe eingeführt.
Einmalig erscheint 1972 zu den Olympischen Spielen mit dem MH 17 in der Bundesrepublik ein Heftchen mit Zuschlagsmarken. Es wird für annähernd zwei Jahrzehnte das Einzige bleiben, welches keine Marken aus Dauerserien enthält.
Noch etwas anderes Interessantes geschieht 1972. Zwar hat es bereits zu früheren Portoerhöhungen in der Bundesrepublik und West-Berlin provisorische Unkenntlichmachungen von aufgedruckten Gebührenangaben auf Markenheftchen gegeben, aber erst mit der Portoerhöhung vom 1. Juli 1972 rückt das Phänomen der Handstempel-Provisorien nun vermehrt auch ins Visier der MH Sammler und Sammlerinnen. Praktisch alle MH Ausgaben der letzten 10 Jahre, welche auch Gebührenangaben enthalten und noch im Umlauf sind, lassen sich nun auch mit der immer lokal bei den Postämtern hergestellten Stempelangabe "Gebühren ungültig" finden.
1972/73 werden in der DDR die ersten Automatenheftchen eingeführt. Es sind dies die manuell angefertigten Sondermarkenheftchen mit variablen Inhalt (SMHD) zum Aufbrauch von Schalterbogenresten. In der Bundesrepublik (MH 20) und West-Berlin (MH 9) startet dann 1974 endgültig die Ära der Automatenheftchen mit der Einführung der nun in vollautomatischer Produktion gefertigten Chromolux-Markenheftchen. Markenheftchenbögen gehören damit nun in Westdeutschland und West-Berlin der Vergangenheit an. Die neuen Heftchen werden auf einer Maschinenstraße in der Bundesdruckerei im Rollendruck von Endlosbahnen gefertigt.
Mit dem nun großflächigen Aufstellen von Automaten im Bundesgebiet und West-Berlin wird auch eine neue Art von Versuchsmarkenheftchen, die der Versuchsjustier-Markenheftchen, in Sammlerkreisen bekannt, welche von den Technikern der Post zur Justierung der Geberwerke in den Automaten verwendet werden.
1979 gibt die Deutsche Sporthilfe erste private Markenheftchen mit Zuschlagsmarken von Bund und Berlin heraus und startet damit ein weiteres schnell beliebtes Sammelgebiet. Viele andere wohltätige Organisationen wie die Deutsche Jugendhilfe, das Deutsche Rote Kreuz oder die Arbeiterwohlfahrt starten bald mit eigenen privaten Ausgaben.
Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung kommt es auch philatelistisch zu einigen Verwerfungen. Im Herbst 1990 tauchen für einige Zeit DDR Sondermarkenheftchen-Provisorien mit dem Stempelaufdruck "Neuer Preis 3,- DM" auf. Die Markenländer DDR und West-Berlin hören nach 1990 auf zu existieren. 10 reguläre Ausgaben und 50 Sondermarkenheftchen mit variablem Inhalt sind für die DDR insgesamt zu verzeichnen, 15 Ausgaben für West-Berlin. In Ostdeutschland beginnt zudem der Abbau der alten MH-Automaten für die es nun keine MH in geeignetem Format mehr gibt.
Mit dem MH 27 erscheint 1991 ein in zweierlei Hinsicht bemerkenswertes Heftchen. Es ist das erste deutsche MH mit selbstklebenden Briefmarken und es ist das erste deutsche MH, welches unter der neuen Bezeichnung "Deutsche Bundespost Postdienst" erscheint, einer der drei durch die Strukturreform der Post eingeführten Unternehmensbereiche.
Im Zuge der Privatisierung der ehemaligen Bundesbehörde "Post" erfolgen ab 1995 auch Änderungen in der Ausgabepolitik für Markenheftchen. Zunehmend erscheinen nun MH mit Sonder- und Zuschlagsmarken, welche immer öfter selbstklebende Marken enthalten. Das neue Scheckkarten-Format wird mit MH 32 wird eingeführt und es werden neue Automaten aufgestellt, die neben dem älteren Kleinformat auch das neue Scheckkarten-Format und Telefonkarten ausgeben können.
Im Mai 1996 erscheint das erste deutsche Privatpost-Markenheftchen beim Deutschen Paketdienst (DPD) und im gleichen Jahr starten auch die seit Ende 1993 getesteten PortoCards durch.
Im August 1997 erscheint mit dem MH 35 das erste MH, dessen Briefmarken die Bezeichnung "Deutschland" tragen. Mit dem MH 37 führt die Post Mitte des Jahres 1998 den Begriff "Markenset" ein, welcher bis zum heutigen Tage Verwendung findet.
Einige Zeit vor der Einführung des Euros 2002 stellt sich heraus, dass die erst vor wenigen Jahren aufgestellten neuen Automaten nicht auf die neue Währung umgestellt werden können. Die Ära der Automaten-MH in Deutschland ist damit beendet und MH werden wie ursprünglich ausschließlich in den Postfilialen und Post Shops oder über Bestellung per Telefon und im Internet verkauft.
In den Jahren 2005 und 2007 experimentiert die Deutsche Post weiter mit neuen Vertriebsformen und startet zwei Pilotversuche mit sogenannten Postpoints, Mini-Shops in Supermärkten und im Einzelhandel, welche ein gegenüber Postfilialen reduziertes Angebot bereitstellen. Hierbei kommt es zur Ausgabe von speziell für diese Vertriebsform einzeln geblisterten Markenheftchen.
Anfang des Jahres 2008 endet die letzte Exklusivlizenz der Deutschen Post AG für Briefe bis 50 Gramm. Konkurrenzunternehmen in Form von Privatpostdienstleistern starten durch und nicht wenige geben auch Markenheftchen heraus oder werden diese in Zukunft herausgeben.
Im August 2008 erscheint das von der Deutschen Post ebenfalls als Markenset titulierte erste deutsche Folienblatt. Diese neue Ausgabeform, im Prinzip ein Kleinbogen selbstklebender Marken mit bedruckter Deckelrückseite, wird sich in den nächsten Jahren zu einem ernst zu nehmenden Konkurrenten für die Markenheftchen entwickeln, welche dann etwa ab den 2020er Jahren zwar weiterhin von der Post herausgegeben werden und bestellbar bleiben, aber nur noch selten direkt in den Postfilialen und Post Shops erhältlich sind.
Im Jahr 2010 bescheren die verschärften Bedingungen des Telekommunikationsgesetzes für Servicetelefonnummern im Mobilfunk den Sammlern und Sammlerinnen neue Markenheftchen-Provisorien, solche mit roten Bestell-Aufklebern.
Im August 2023 erscheint bei der NordBrief Rendsburg das erste deutsche Krypto-MH, wenig später dann im November folgt die Deutsche Post mit MH 127.
(Die Abbildungen werden auf eine feste Breite aufgezogen und sind deshalb nicht maßstabsgetreu.)
Zeitreise
| Wann? | Was? |
|---|---|
| 11.07.1900 | Erste Versuchsmarkenheftchen der Deutschen Reichspost |
| 11.05.1906 | Erstes privates Markenheftchen (Kempinski Weingroßhandlung, Berlin) |
| 01.11.1910 | Erste MH Ausgabe der Deutschen Reichspost (MH 1) |
| 1911 | Erste MH Ausgabe des Königreichs Bayern (MH 1) |
| 08.12.1911 | Jeweils erste MH Ausgaben für die deutschen Kolonien (Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika und Kamerun) (MH 1) |
| 1917 | Letzte MH Ausgabe des Königreichs Bayern (MH 6) |
| 08.12.1924 | Erstes und einziges MH des Saargebiets (MH 1) |
| August 1925 | Erstes MH der Freien Stadt Danzig (MH 1) |
| 15.12.1925 | Erstes MH der Deutschen Reichspost mit Zuschlagsmarken (MH 18) |
| September 1938 | Letztes MH der Freien Stadt Danzig (MH 7) |
| Dezember 1941 | Letzte MH Ausgabe der Deutschen Reichspost (MH 49) |
| Ende 1945 | Alliierte Besetzung AM-Post Markenheftchen |
| Mai 1947 | Alliierte Besetzung MH 50 (Nachläufer-Nummerierung Deutsches Reich) |
| 01.05.1948 | Alliierte Besetzung Flugpost-Zulassung Markenheftchen (JEIA) |
| 01.11.1949 | Erstes Berlin Markenheftchen (Deutsche Post) (MH 1) |
| 2. Quartal 1950 | Bauten- und Notopfer-Freimarkenheftchen der hessischen Devisen-Poststellen |
| 30.10.1951 | Erstes Bund Markenheftchen (Deutsche Bundespost) (MH 1) |
| März 1955 | Erstes DDR Markenheftchen (Deutsche Post) (MH 1) |
| Oktober 1961 | Erstes Automaten-Langformat Markenheftchen (Bund MH 7) |
| 08.03.1968 | Erstes Automaten-Kurzformat Markenheftchen (Bund MH 13) |
| 01.07.1972 | Im Zuge der Portoerhöhung kommt es in der Folge zur verstärkten Ausgabe von Handstempel-Provisorien, welche vorhandene Gebührenangaben in den MH als ungültig kennzeichnen. |
| 18.08.1972 | Erstes Sondermarkenheftchen der Nachkriegszeit (Bund MH 17) |
| 1972/1973 | Erstes Sondermarkenheftchen mit variablem Inhalt der DDR (SMHD 1) |
| August 1973 | Letztes westdeutsches MH mit Markenheftchenbogen (Bund MH 19) |
| 25.08.1974 | Erstes Chromolux-Automaten-Markenheftchen aus vollautomatisierter Produktion (Bund MH 20) |
| 1979 | Mit der Herausgabe der ersten Sportmarkenheftchen läutet die Deutsche Sporthilfe ein neues und schnell sehr beliebtes Sammelgebiet ein, das der privaten Markenheftchen (Bund und Berlin) zum Vertrieb von Zuschlagsmarken. |
| Januar 1988 | Letztes Bund Markenheftchen mit Fremdwerbung. (MH 24 n) |
| Juni 1989 | Letztes Berlin Markenheftchen erscheint. (MH 15) |
| August 1989 | DDR Sondermarkenheftchen-Provisorien mit Stempel "Neuer Preis 3,- DM" erscheinen. |
| 02.10.1990 | Das letztes DDR Markenheftchen erscheint (MH 10), ebenso wie die beiden dazugehörigen letzten deutschen Markenheftchenbögen. |
| 01.04.1991 | Das Geschenkheftchen zur deutschen Wiedervereinigung wird herausgegeben. (Bund GH 1) |
| 04.06.1991 | Erstes deutsches Markenheftchen mit selbstklebenden Marken (Bund MH 27) |
| November 1993 | Die erste Versuchsauflage einer PortoCard erscheint. |
| 1995 | Die Deutsche Post startet den ersten Pilotversuch zu Postpoints, mit speziell für diese Vertriebsform geblisterten MH. |
| 05.05.1995 | Erstes Markenheftchen im Scheckkarten-Format (Bund MH 32) |
| Mai 1996 | Erstes deutsches Privatpost-Markenheftchen (DPD) |
| 1996 | Die PortoCards starten durch. |
| 1997 | Die Deutsche Post startet den zweiten Pilotversuch zu Postpoints, nun mit einem geänderten Blisterformat für MH. |
| 14.08.1997 | Erstes MH, dessen Briefmarken die Bezeichnung Deutschland tragen. (Bund MH 35) |
| 06.07.1998 | Erstes "Markenset" (Bund MH 37) |
| 13.09.2001 | Erstes "Maxi-Set" (Bund MH 45) |
| 27.12.2002 | Bund MH 50 erscheint |
| 07.08.2008 | Erstes deutsches Folienblatt (Bund FB 1) |
| Frühjahr 2010 | Eine Änderung des Telekommunikationsgesetzes betrifft viele MH, deren ursprüngliche Kontaktangaben mit Mobilfunknummer nun mit aktualisierten roten Bestell-Aufklebern überklebt werden. |
| Mai 2010 | Allgemeine Erhältlichkeit der Portocard Individuell |
| 01.11.2010 | 100 Jahre deutsche Markenheftchen |
| 06.08.2015 | Bund MH 100 erscheint |
| 02.11.2015 | Bund FB 50 erscheint |
| 02.04.2020 | Bund FB 100 erscheint |
| August 2023 | Erstes deutsches Krypto-MH (NordBrief Rendsburg, MH 2023-2) |
| 02.11.2023 | Erstes Krypto-MH der Deutschen Post (Bund MH 127) |
| 03.04.2025 | Bund FB 150 erscheint |
